„Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ (Mk 10,29f Evangelium vom Sonntag)
Liebe Schwestern und Brüder der PG Glattbach-Johannesberg,
liebe Leserin und Leser des Geistlichen Wortes,
als ich das erste Mal darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sich die beiden Aufzählungen im Markusevangelium in mehrfacher Hinsicht unterscheiden, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Dem Singular „Haus und Mutter“ in der ersten Reihe steht der Plural „Häuser und Mütter“ in der zweiten gegenüber. Für mich bedeutet dies, dass das, was die Frauen und Männer erhalten werden, die Jesus nachfolgen, überschwänglich sein wird. Ohne Maß werden ihnen in der neuen Gemeinschaft der Christen die Güter und die Menschen zuteil, die sie nun miteinander teilen und gemeinsam als ihr eigen verstehen.
„Vater“ erscheint nur in der ersten Liste, in der zweiten fehlt er ganz.
Was hat dies zu bedeuten?
Mit „Vater“ ist ja zur biblischen Zeit nicht nur der leibliche Vater gemeint, sondern in diesem Begriff drückt sich das patriarchale Prinzip überhaupt aus. Der „Vater“ ist das Oberhaupt der Familie, der Sippe, des Clans. Ohne dem „Vater“ läuft nichts. Nur wenn er es will, wenn er seine Zustimmung gibt, dann können Ehen geschlossen, Tiere verkauft oder Äcker verpachtet werden. Dreh- und Angelpunkt der damaligen Gesellschaft ist der „Vater“, und somit auch Symbol der bestehenden Herrschaftsordnung.
Jesus ist da ganz anders. Für Jesus darf es kein „Oben“ und kein „Unten“ in seiner Jüngergemeinschaft geben. Die Ersten sollen alle anderen bedienen, und diejenigen, die etwas zu sagen haben wollen, sollen sich – wie er es selbst bei der Fußwaschung gemacht hat – niederknien und allen anderen die Füße waschen. Denn für Jesus gibt es nur ein Prinzip, unter das bzw. dem sich alle zu stellen haben. Und das ist sein himmlischer Vater, unser Vater, sein Gott, der als der Befreier immer wieder sich in der Geschichte der Menschen offenbart. Alles andere und jede andere Macht einiger weniger über all die anderen sind für Jesus nicht in Ordnung, denn: „Ihr alle aber seid Brüder und Schwestern!“
Nun hat sich aber im Laufe der zweitausendjährigen Kirchengeschichte gezeigt, dass Macht über andere zu haben auch mitten unter uns ein erstrebenswertes Ziel ist und viele mussten damals und müssen heute noch darunter leiden.
Eine moralische Legitimation aus dem Evangelium erkenne ich dafür nicht; Schwäche und Gier bei uns Menschen dazu schon. Und ich selbst muss mich davor hüten mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen, weisen doch Mittel-, Ring- und kleiner Finger immer zugleich auch auf mich selbst zurück !
Dennoch: Wir dürfen diesem Thema nicht ausweichen, sondern müssen uns dem offen und ehrlich stellen. Jede und jeder ist herausgefordert Unstimmigkeiten und Fehlverhalten, das wahrgenommen wird, zu benennen und miteinander gilt es Wege zu suchen und zu gehen, um diese zu überwinden: Bitte haben Sie Mut dazu!
„Vater unser im Himmel“ so beten wir täglich, wenn wir mit den Worten und in der Haltung Jesu uns zu Gott, dem Schöpfer und Erlöser, wenden. Und dieses Gebet soll eine Merkhilfe sein bzw. werden, dass wir über uns nur Gott, dem Vater Jesu, erkennen und anerkennen, und unter uns ein gemeinschaftliches Leben einüben und pflegen, wie es unter den Jüngerinnen und Jüngern Jesu eben herrschen soll.
Ihnen und Ihren Angehörigen wünsche ich im Namen des Seelsorgeteam der PG Glattbach-Johannesberg einen frohen Sonntag und eine gute Woche.
Ihr Nikolaus Hegler, Pfarrer
Lesungen zum 28.Sonntag im Jahreskreis
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